Was ein „blaues Pony“ bei Koreanerinnen und Koreanern auslösen kann.

Es gibt wohl kaum einen besseren Weg als der Jeju Olle Trail, wenn es darum geht der „Balli-Balli“-Kultur und dem Alltagsstress zu entfliehen.

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Sommerzeit ist Ferienzeit. Ein zentraler Schauplatz ist die Vulkaninsel Jeju, welche bei vielen Koreanerinnen und Koreanern nicht nur während der Ferienzeit grosse Beliebtheit geniesst. Die Insel mit dem erloschenen Vulkan Hallasan prägt das Bild von Jeju und ist und zugleich mit einer Höhe von 1950 Metern der höchste Berg Südkoreas. Jeju liegt im Zentrum Nordostasiens und hat wichtige geografische Verbindungen zu China, Japan und Südostasien. Und wie auch Südkorea, ist Jeju nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar.

Jeju ist ein Naturparadies, welches 2007 als Naturerbestätte in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen wurde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass jährlich über zwei Millionen Naturbegeisterte diesen Ort der Erholung bereisen. Vor allem in den Sommermonaten, in denen die Hitze in Grossstädten, wie Seoul, fast unerträglich wird, flüchten viele Koreanerinnen und Koreaner auf die Insel. Die Zahlen sprechen für sich: Die Strecke Seoul – Jeju liegt auf Platz eins der verkehrsreichsten Flugrouten der Welt. 2018 zählte man über 14 Millionen Passagiere!

Wunderschöne Landschaften und die Aussicht auf das Meer laden zu stundenlangem Wandern ein. | Courtesy of Jeju Olle Trail

Jeju Besucher haben nebst dem Meer, den vielen Natursehenswürdigkeiten und Golfplätzen seit einigen Jahren auch den „Jeju Olle“ entdeckt. Jeju Olle ist ein Rundwanderweg, welcher sehr beliebt und populär ist. Den Wanderern stehen 425 Kilometer Wege, aufgeteilt auf 21 Routen entlang der Küste, und 5 Routen auf den Nachbarsinseln zur Verfügung.

Viele Koreanerinnen und Koreaner können sich auf dem Jeju Olle von ihrem Alltagsstress erholen und der koreanischen „Balli-Balli“-Kultur entfliehen.

Daniel Thomas Faller

Als gemeinnützige Organisation betreibt und verwaltet die Jeju Olle Fundation den Jeju Olle Trail ausschließlich mit privaten Spenden, Firmensponsoring und Souvenirverkäufen ohne staatliche Subventionen oder Eintrittsgelder. Die Olle Trails und die Olle Foundation wurden von der in Jeju aufgewachsenen Koreanerin Myung Sook Suh 2007 ins Leben gerufen.

Der Jeju Olle Trail führt die Besucher nicht nur durch landschaftlich reizvolle Gegenden, wie Küstengebiete, Wälder und Jeju Oreum (kleine, erloschene Vulkane), sondern auch durch Dörfer und traditionelle Märkte, auf denen man leicht mit der lokalen Bevölkerung ins Gespräch kommt.

Beeindruckend sind auch die unterschiedlichen Steinmauern aus schwarzem Basalt, welche die Bewohner der Insel Jeju zu unterschiedlichen Zwecken errichtet haben und von kulturhistorischer Bedeutung sind.

Olle Trails führen uns durch traditionelle Dörfer… | Courtesy of Jeju Olle Trail
…vorbei an Teebüschen und Organgenhainen… | Courtesy of Jeju Olle Trail
…sowie entlang der Küste. | Courtesy of Jeju Olle Trail

Wenn man lokale Spezialitäten kosten möchte, kann man sich entlang der Wanderwege mit frischen Meeresfrüchten verköstigen oder Snacks, von lokalen Bauern zubereitet, degustieren. Erkundet man Jeju auf den Olle Trails, erlebt man eine neue Art des Reisens. Man ist zu Fuss unterwegs und gelangt an Orte, welche man mit dem Mietwagen oder dem Fahrrad nicht erreichen kann und lernt somit gleichzeitig das echte Jeju kennen. Und das Wichtigste: man kann den Alltagsstress hinter sich lassen und der typisch koreanischen „Balli-Balli“-Kultur (schnell, schnell) entfliehen. Eine wahre Erholung.

Bei jedem Schritt wird man daran erinnert, dass man sich auf einer Vulkaninsel befindet. | Courtesy of Jeju Olle Trail
Orange-blaue Markierungen weisen auf den Olle Trails den Weg. | Courtesy of Jeju Olle Trail
Das Symbol für Jeju Olle ist ein blaues Pony, welches man „Ganse“ nennt. Der Name hat seine Wurzel im Jeju-Dialekt “Gansedari“ 간세다리, was so viel wie Faulpelz bedeutet. Eine der Philosophien des Jeju Olle Trail ist, sich das Gansedari als Vorbild zu nehmen: langsam über die Wiesen spazieren, flanieren und sich öfters mal ausruhen. | Courtesy of Jeju Olle Trail

Möchte man den Olle Trail bewandern, kann man sich auf der sehr professionell gestalteten Webpage informieren. Die Routen auf dem Trail sind detailliert beschrieben. Man bekommt nebst Angaben zur Strecke, der Distanz und dem Schwierigkeitsgrad des jeweiligen Trails auch Zusatzinformationen über Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie weitere wertvolle Tipps für Unterwegs. Vor Ort kann man zusätzlich eines der 16 Olle Informationszentren besuchen, bei denen man den „Olle Passport“ beziehen kann. Diesen benötigt man, wenn man sich auf der Route an definierten Stationen, bei den sogenannten „Stamp Ganse“ (blaue Pony-Stemplel-Station), einen Stempeleintrag holen möchte. Ist man ambitioniert, erhält man beim Absolvieren aller Trails ein Finnisher Zertifikat sowie eine Medaille. Die Trails sind für jeden frei zugänglich. Sie sind auf der ganzen Strecke mit Wegweisern ausgeschildert und mit dem Logo des blauen Pony’s, orang-blauen Schleifen markiert. Auch gibt es einige Abschnitte für Rollstuhlfahrer. Für Olle Einsteiger und solche, die den Weg nicht allein machen möchten, gibt es das „Mate Programm“. Bei diesem werden die Gäste von einer einheimischen Jejuianerin oder einem Jejuianer (Akajabong) auf einer der vereinbarten Route begleitet.

Beim “blauen Pony” kann man sich einen Olle Trail Stempel holen. | Photographer Daniel Thomas Faller
Jährlich besuchen über 600‘000 Besucherinnen und Besucher die Jeju Olle Trails.
Einer davon ist Teuk Kim, welchen wir im Jeju Olle Tourist Center in Seogwipo getroffen haben. Er hat in zwei Wochen über 437 Kilometer zurückgelegt, bekommt das Finisher Diplom sowie eine Medaille und wird in der „Hall of fame“ aufgenommen. Gratulation! | Photographer Daniel Thomas Faller

Jeju Olle, ein Insel Erlebnis der besonderen Art, bei dem langsames Reisen wortwörtlich laufend zelebriert wird und der Weg das Ziel ist.

Die Serie SCHAUPLÄTZE – besondere Orte, Hotspots, coole Locations – nimmt die Leser und Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise zu erstaunlichen Orten, Städten, Events und atemberaubende Kultur- und Kunstwerke, um die Geschichte dahinter zu erkunden und zu erfahren, warum sie den Namen Hotspot verdienen.

Daniel Thomas Faller

SEOUL | Korea

Daniel ist der Gründer des Schauplatz Korea Magazins, Chefredakteur und kreativer Leiter. Er ist gebürtiger Schweizer und Korea-Liebhaber, der in Seoul lebt. Daniel interessiert sich für die Geschichten und Projekte von Menschen und hat eine Leidenschaft für visuelle Kunst und Fotografie. Gerne lässt er sich von Makgeolli verführen...

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