Essenskurier in Korea – bald Geschichte?

Warum können die geplanten Lieferzeiten der Kuriere fast nie eingehalten werden? Verschwinden Essenskuriere auf zwei Rädern bald schon aus unserem Leben?

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Wer als Essenskurier arbeitet, lebt gefährlich. Vor allem in einer Metropole, wie Seoul. Über den Fotografen und Lebenskünstler Noah Han 한노아 (32) habe ich in der Rubrik Art & Culture schon über sein aktuelles Projekt „On y go“ berichtet. Da er nebst der Fotografie auch als Essenskurier unterwegs ist, möchte ich mehr über seine persönlichen Erlebnisse in diesem zurzeit sehr gefragten Job erfahren.

Noah, seit wann lieferst du Essen aus?

Seit April dieses Jahres.

Was denkst Du, wie viele Essenskuriere gibt es in Korea?

Schwer zu schätzen. Es hängt sehr stark von der Saison ab. Richtig viele Bestellungen gibt es während der Regenzeit oder aber im Winter, wenn es kalt ist. Auch Corona hat dazu beigetragen, dass die Bestellungen zugenommen haben. Gemäss Auskunft der Gewerkschaft sind etwa 370’000 Essenskuriere, die in Korea registriert sind. Hinzu kommt noch eine grosse Anzahl Kuriere, welche nicht registriert sind oder Kuriere, welche direkt von einem Restaurant angestellt sind.

Hat es viel Verkehr oder sind die Strassenverhältnisse wegen Regen, Schnee oder Dunkelheit schwierig, kann es rasch richtig gefährlich werden.

Noah Han 한노아

Ein gefährlicher Job?

In der Tat. Wir bewegen uns auf zwei Rädern und sind, im Vergleich zu denen auf vier Rädern, sehr wenig geschützt. Hat es viel Verkehr oder sind die Strassenverhältnisse wegen Regen, Schnee oder Dunkelheit schwierig, kann es rasch richtig gefährlich werden.

Ist der Konkurrenzkampf unter den einzelnen Kurieren gross?

Nicht direkt unter den Kurieren. Vor ungefähr sechs Monaten gab es einen grösseren Konkurrenzkampf unter den verschiedenen Plattformen, die Essenslieferungen anbieten. Dabei geht es immer um die gleichen Themen. Wer bietet den schnellsten Service zu einem möglichst günstigen Preis an. Das Ganze hat sich jedoch in der Zwischenzeit wieder etwas gelegt. Die Preise für eine Lieferung haben sich aber merklich nach unten bewegt, was natürlich zum Nachteil von uns Lieferkurieren und zum Vorteil der Kunden.

In diesem Wohnhaus stellt man den Kurieren einen eigenen Parkplatz zur Verfügung. Dies ist jedoch eher die Ausnahme. | Photographer Daniel Thomas Faller

Was ist die grösste Herausforderung in deinem Job als Essenskurier?

Ein wichtiger Faktor ist sicherlich die Zeit. Unser Ziel ist es, die Ware möglichst schnell beim Kunden abzuliefern. Dazu kommt, dass wir oft das das Problem haben, einen geeigneten Ort für das Abstellen der Motorräder zu finden. Ist die Lieferadresse in einer der immer grösser werdenden Überbauungen mit mehreren Wohnsilos und hunderten, wenn nicht sogar tausende Wohnungen, sind wir oft auf die Mithilfe des Sicherheitspersonals angewiesen. Leider sind wir bei diesen sind oft nicht besonders willkommen. So kommt es immer wieder vor, dass wir mit unseren Motorrädern keinen Zutritt erhalten und dann weit ausserhalb der Wohnanlagen parken und zu Fuss das letzte Stück gehen müssen. Das kostet uns wertvolle Zeit und beschert uns danach eine schlechte Kundenbewertung.

Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, die Herausforderung mit dem Verkehr und dem Fakt, dass wir uns «nur» auf zwei Rädern fortbewegen. Die grösste Bedrohung auf Seoul’s Strassen sind für uns die Taxifahrer. Beim Rechts- oder Links-Abbiegen ein Zeichen geben, sprich den Blinker setzen, das ist nicht nur Zeitverschwendung, sondernd führt manchmal sogar zu sehr heiklen und gefährlichen Situationen.

Wenn ich Essenskuriere auf der Strasse beobachte, sehe ich, dass diese oft nicht die Verkehrsregeln einhalten. Zum Beispiel bei Rotlicht über eine Kreuzung, Missachtung der Sicherheitslinien oder spektakuläre Überholmanöver im Stossverkehr …

Da hast du recht und ich persönlich bin gegen solche Verstösse. Wenn immer möglich, versuche ich mich an die Regeln zu halten. Ich bin der Meinung, dass wenn man dies von den anderen erwartet, sollte man selbst auch die Regeln respektieren. Leider ist das ist in der heutigen Gesellschaft, leider oft nicht oft der Fall.

Neben dem Motorrad das wichtigste Arbeitsgerät – das Smartphone. | Photographer Daniel Thomas Faller

Wie sieht dein Arbeitsalltag als Essenskurier aus?

Am Vormittag tanke ich mein Motorrad und bereite es für den Einsatz vor. Gegen Mittag fahre ich dann in ein Stadtviertel, in dem sich viele Bürogebäude befinden. Dort warte ich, bis die ersten Bestellungen eintreffen. Diese erhalte ich via Smartphone. Akzeptiere ich einen Auftrag, mache ich mich sofort auf den Weg zum entsprechenden Restaurant, hole das Essen und liefere es dem Kunden aus.

Wie lange ist im Durchschnitt die Lieferzeit für eine Auslieferung?

Für die Zubereitung der Mahlzeit rechnet man 15 Minuten. Sprich, wenn ich eine Bestellung erhalte, habe ich zehn bis 15 Minuten Zeit, zum Restaurant zu fahren. Danach sind es je nach Gebiet nochmals 15 bis 20 Minuten, bis ich beim Kunden das Essen ausliefere.

Hast du Zeitvorgaben bei der Essenszustellung und wenn ja, kannst du diese einhalten?

Die Zeitvorgaben werden durch die entsprechende Applikation berechnet. Allerdings basieren diese Angaben auf die Luftlinien-Distanz vom Restaurant zum Kunden. Meist ist es unmöglich, diese Zeitvorgabe einzuhalten. Denn auch Verkehr und Umwelt werden bei der Berechnung nicht berücksichtigt. Können wir nicht pünktlich liefern, gib es oft Kritik.

Der Essenskurier – immer unter Zeitdruck. | Photographer Daniel Thomas Faller

Kritik?

Kritik für was? Wird dem Kunden das Essen geliefert, ist der Auftrag für uns abgeschlossen. Danach kann der Kunde auf der Applikation anonym und mit einem Punktesystem eine Bewertung abgeben. Erhält der Kurier eine schlechte Bewertung, folgen Minuspunkte und wird zur Strafe für einige Stunden bis Tage für weitere Aufträge gesperrt. Der Druck ist daher enorm. Leider ist es so, dass es in der Natur des Menschen liegt, dass er primär nur dann eine Bewertung vornimmt, wenn er nicht zufrieden ist.

Kann man vom Einkommen als Essenskurier leben?

Es ist knapp, aber irgendwie muss es gehen. Ich arbeite zu etwa 70% als Essenskurier. Bei einem zehnstündigen Arbeitstag verdiene ich ungefähr USD 120. Mit diesem Tageslohn muss zusätzliche Gebühren und Ausgaben wie Versicherungen, Motorrad und Benzin sowie allfällige Verkehrsbussen selber bezahlen. Am Ende bleibt da nicht mehr viel.

Denkst du, die Kunden schätzen den Service eines Essenskurier?

Da man als Essenskurier sehr wenig Kundenkontakt hat, ist es schwer einzuschätzen, wie der Kunde die Leistung bewertet. Was aber bekannt ist, dass sich die Gewerkschaft bemüht, das Ansehen der Essenskuriere in der Gesellschaft zu verbessern. Es wird dafür gesorgt, dass die Regeln im Verkehr und Umgangsformen besser eingehalten werden. Auch wird permanent am technischen Service gearbeitet, um die Arbeiter besser zu unterstützen.

Was ist deine Meinung? Wie wird sich der Kurier-Service weiterentwickeln?

Mittelfristig wird der Kurier auf zwei Rädern aus unserem Alltag verschwinden. Kürzlich habe ich gelesen, sind Projekte in der Testphase, bei denen Essenslieferungen mittels Drohneneinsatz geliefert werden.

Bestellst du selbst auch Essen online?

Ja, sogar oft. Denn nach einem 10 Stunden Arbeitstag als Essenskurier habe ich weder Lust noch Zeit, mir mein eigenes Essen zuzubereiten…

Noha, danke dass Du Zeit gefunden hast, mit uns über dein Leben als Essenskurier zu sprechen und wir wünschen dir alles Gute für deine Zukunft.

Daniel Thomas Faller

SEOUL | Korea

Daniel ist der Gründer des Schauplatz Korea Magazins, Chefredakteur und kreativer Leiter. Er ist gebürtiger Schweizer und Korea-Liebhaber, der in Seoul lebt. Daniel interessiert sich für die Geschichten und Projekte von Menschen und hat eine Leidenschaft für visuelle Kunst und Fotografie. Gerne lässt er sich von Makgeolli verführen...

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