Joghurt, Yakult!

Warum sind jahrtausendalte Übungen auch heute noch so populär? Und was haben Joghurt und Yakult mit Glückseligkeit und Gesundheit gemeinsam?

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Alles begann im März letzten Jahres. Nach einem Spitalaufenthalt, empfahl mir mein behandelnder Professor täglich körperliche Aktivität. Die Häuserschluchten in der Innenstadt von Seoul erschienen mir für einen Morgenspaziergang jedoch ungeeignet. Also erkundete ich einen der öffentlichen Parks in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, den Yongsan Family Park. Eine kleine Oase, mitten in Seoul.

Und so kam es, dass ich eines Tages, während meines Spazierganges in den frühen Morgenstunden, plötzlich seltsame Geräusche hörte. Inmitten des Parkes sah ich eine Gruppe älterer Personen, die sich im Rhythmus bewegten und dabei eigenartige Laute von sich gaben. Die einzigen Worte, die ich bis dahin entziffern konnte, waren Joghurt, Yakult. Eine der älteren Damen hatte meine neugierigen Blicke erkannt und bat mich freundlich, näherzukommen (was ich natürlich nicht verstanden hatte, weil sie koreanisch sprach) und ermunterte mich, mitzumachen. Anfangs hatte ich das Treiben etwas belächelt, da ich im ersten Augenblick das Gefühl hatte, dass es sich um Senioren-Gymnastik handelt. Doch dann erkannte ich, dass ich mich geirrt hatte….

Dies war die erste Stunde meiner bis jetzt ungefähr 340 absolvierten Lektionen. Jeden Morgen treffen wir uns um 6 Uhr im Yongsan Familiy Park zum gemeinsamen „Joghurt, Yakult“. Sei es bei minus acht Grad im Winter oder schwülwarmen 25 Grad im Sommer.

Heute ist Freitag, der 14. Mai. An diesem Tag feiert man in Korea den „teacher’s day“. Diesen speziellen Tag nehme ich zum Anlass, mich mit unseren zwei „Lehrern“, Frau Sun-woo Kyong 선우경 (83) und Herrn Prof. Shin Yungoh 신영오 (79) über diese traditionelle Gymnastik zu unterhalten.

Was ist so besonders an der Morgengymnastik, welche sie täglich leiten?

Sun-woo Kyong: Bei dieser Gymnastik handelt es sich um Gug Hak Kigong do. Es ist eine Mischung aus Kouk sun do (korean 기공 Qigong), einzelnen Elemente aus dem asiatischen Kampfsport und dem chinesischen Qigong. Bei den Übungen werden unter anderem die innere Energie und die Blutzirkulation aktiviert. Wir beginnen jeweils mit Atemübungen für den unteren Bauchraum. Langsame Körperbewegungen (eine Art Meditation), dynamische Bewegungen und Dehnungsübungen ergänzen das Programm. Immer mit dem Ziel, die inneren Organe zu stimulieren, den Blut- und Energiekreislauf anzuregen und das Immunsystem zu stärken.

Sun-woo Kyong 선우경 | Photographer Daniel Thomas Faller

Woher kommt das Gug Hak Kigong do?

Prof. Shin Yungoh: Gug Hak Kigong do wird schon seit über 1500 Jahren praktiziert. Es stammt aus der Zeit der Silla Dynastie und hat seinen Ursprung im koreanischen Gebirge. Gug Hak Kigong do basiert auf den Philosophien des koreanischen Taoismus, des Konfuzianismus und des Buddhismus. Da gibt es zum Beispiel Elemente aus der Meditation, welche physisch und mental einen positiven Einfluss auf den Lebensstil haben. Auch Prinzipien aus der Akupressur und Akupunktur fließen in die Übungen mit ein, um die Harmonie in Körper und Geist zu erleben. Es gibt mehr als 500 verschiedene Arten von Bewegungen, bei denen die Atmung im Vordergrund steht und den ganzen Körper aktiviert. Gug Hak Kigong do wird jedoch erst in der modernen Zeit von einer breiteren Bevölkerung aktiv betrieben.

Gemeinsames turnen in der Gruppe motiviert. | Photographer Daniel Thomas Faller

Was ist der Vorteil, wenn man Gug Hak Kigong do regelmässig betreibt?

Sun-woo Kyong: Wie bereits erwähnt, stimuliert das Training den gesamten Körper. Die Übungen regen das Gedächtnis an, man lernt sich zu konzentrieren, die Beweglichkeit wird gefördert und die Balance gestärkt. Zusammengefasst Gesundheit, Glückseligkeit und Freundschaften. Was aber beide Lehrer dringlich empfehlen ist, die Übungen täglich zu machen.

Bei meiner ersten Begegnung sind mir die Worte Joghurt-Yakult in Erinnerung geblieben. Bei einer Gesichtsgymnastik-Übung sagt man in schnellen und kurzen Abständen die Worte Joghurt-Yakult…Seit daher nenne ich die Gruppe Joghurt-Yakult-Gruppe!

Daniel Thomas Faller

Sie beide leiten diese Gruppe. Wie kam es dazu?

Sun-woo Kyong: So richtig begonnen habe ich damit vor etwa 20 Jahren. Damals hatte die koreanische Regierung die Gesundheitsbewegung promotet und ins Leben gerufen. Ich habe zu diesem Zeitpunkt hart trainiert. Nach einer kurzen, aber intensiven Ausbildung habe ich vor acht Jahren das Zertifikat als offiziellen Trainerin erhalten.

Prof. Shin Yungoh: Bei mir geschah es eher zufällig: Seit 12 Jahren bin ich pensioniert und besuche regelmässig die Übungsstunde. Vor etwa fünf Jahren hat mich dann ein Freund der Gruppe im Yongsan Family Park vorgestellt. Die Teilnehmer der Gruppe meinten, ich solle doch eine Trainerausbildung machen, damit auch ich die Gruppe trainieren könnte, was ich dann auch gemacht habe. Seitdem leiten wir beiden die Gruppe im Yongsan Family Park.

Warum leiten Sie diese Gruppe? Woher nehmen Sie die Motivation und Energie, täglich um 6 Uhr morgens das Training durchzuführen?

Die Energie bekommen wir aus dem Training selber. Es macht uns glücklich und stolz, wenn wir in der Gruppe sind und sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen mitmachen. Das ist für uns eine grosse Motivation.

Gug Hak Kigong do: Training für Körper und Geist. | Photographer Daniel Thomas Faller

Wie sieht ihr Tagesablauf aus?

Sun-woo Kyong: Mein Tag beginnt morgens sehr früh. Ich stehe zwischen drei und vier Uhr auf und beginne meinen Tag mit dem Morgenspaziergang zum Yongsan Family Park, welcher etwa 30 Minuten entfernt liegt. Nach dem Training gönne ich mir dann zu Hause ein Frühstück. Da ich ein sehr aktiver Mensch bin, verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit mit Freunden in der freien Natur. Singen und Line Dance sind nur einige meiner grossen Leidenschaften. Gegen 21 Uhr gehe ich schlafen.

Prof. Shin Yungoh: Auch ich beginne meinen Tag sehr früh. Nach dem Gug Hak Kigong do Training gehe ich jeden Tag an die Universität der Medizin, um Studenten und angehenden Doktoranden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Biologie und Virologie sind auch nach meiner Pension mein Steckenpferd geblieben.

Bleibt es beim morgendlichen gemeinsamen Training in der Gruppe oder haben sich über die Jahre auch Freundschaften entwickelt?

Prof. Shin Yungoh: Mit der Zeit sind einige enge Freundschaften entstanden. Manche treffen sich auch außerhalb der Morgengymnastik. Bei speziellen Anlässen machen wir im Anschluss an unser Training ein Picknick im Park. Sei es, um die Regenzeit einzuläuten oder wie heute beim teachers day.

Gemeinsames Picknick im Park: Teacher’s day. | Photographer Daniel Thomas Faller

Es fällt mir auf, dass frühmorgens sehr viele ältere Menschen aktiv sind. Hat dies einen bestimmten Grund?

Sun-woo Kyong: Der Antrieb für frühmorgendliche Aktivitäten ist natürlich individuell. Auch wir haben unter unseren Freunden einige, welche gerne länger schlafen. Dass man morgens eher weniger junge Menschen vorfindet, liegt wohl daran, dass sie vor der Arbeit nicht mehr viel Zeit für ein Training aufwenden wollen oder können. Es gibt jedoch zwei wichtige Gründe, die dazu beitragen, dass für viele Koreaner die körperliche Aktivität eine wichtige Rolle im Leben spielt. Der eine ist ihr Charakter. Von Natur aus sind die Koreaner sehr energetisch und im Allgemeinen sehr aktive Menschen. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Initiativen des Ministeriums für Kultur und Sport. Diese erstellen und unterhalten Outdoor Fitnessgeräte in Wohnsiedlungen, Parks und an vielen öffentlichen Plätzen. Zudem gibt es sehr gut ausgebaute Fahrrad- und Wanderwege, welche die Bevölkerung zu Outdoor Aktivitäten anregt.

Die Outdoor Fitnessgeräte werden rege benutzt. | Photographer Daniel Thomas Faller

Was ist ihre Botschaft an unsere Leser der westlichen Welt“?

Prof. Shin Yungoh: Wir hoffen, wir konnten mit unserem Interview auch andere Menschen dafür begeistern, ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen selber in die Hand zu nehmen, auch ältere Leute. Und was uns natürlich besonders freuen würde, wenn wir die eine oder andere Person dazu motivieren können, selber Gug Hak kigong do auszuprobieren. Es liegt uns viel daran, unser Wissen anderen interessierten Menschen weiterzugeben. Denn nichts ist kostbarer als ein gesunder Körper und Geist.

Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für die Zukunft und vor allem für ihre Gesundheit.

Daniel Thomas Faller

SEOUL | Korea

Daniel ist der Gründer des Schauplatz Korea Magazins, Chefredakteur und kreativer Leiter. Er ist gebürtiger Schweizer und Korea-Liebhaber, der in Seoul lebt. Daniel interessiert sich für die Geschichten und Projekte von Menschen und hat eine Leidenschaft für visuelle Kunst und Fotografie. Gerne lässt er sich von Makgeolli verführen...

1 Comment

  1. Überzeugender Artikel, welcher sich angenehm lesen lässt. Wahrscheinlich werde ich es nun endlich auch einmal probieren! Danke für die Anregung und viel Gesundheit!

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