Von der Umkleidekabine bis zum Bus – Koreanische Gewohnheiten

In Korea gibt es einige Regeln, an die man sich unbedingt halten sollte. Doch was passiert, wenn man diese (noch) nicht kennt? Ein kurzer Erfahrungsbericht von Jessica.

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Wenn man eine neue Kultur kennenlernt, vergleicht man vieles mit dem, was man schon kennt. Als junge und interessierte Frau aus den Vereinigten Staaten mit großen Plänen, die zum ersten Mal nach Asien reiste, war ich fasziniert. Mein Ziel war es, die Welt zu entdecken und eine neue Sprache kennen lernen und entschied mich dafür, in Seoul Englisch zu unterrichten. Natürlich habe ich mit der Kultur vertraut gemacht, während ich meinen Umzug plante, aber darüber zu lesen, ist etwas anderes als es tatsächlich zu erleben. Die folgenden Punkte halfen mir besonders, mich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Etwas zum Thema Schuhe

Die Tradition, die Schuhe auszuziehen, ist ein wichtiger Teil der koreanischen Kultur. Ich wusste aus meinen Recherchen, dass es üblich ist, seine Schuhe auszuziehen und sie ordentlich in den dafür vorgesehenen Bereich zu stellen, wenn man ein Haus betritt. Was ich nicht wusste, war, dass dies auch für andere Institutionen gilt, zum Beispiel für religiösen Einrichtungen und in einigen traditionellen Restaurants.

Viele koreanische Restaurants darf man nur ohne Schuhe betreten. | Photographer Daniel Thomas Faller

Ich lernte auch, wie wichtig es ist, die Schuhe auszuziehen, wenn ich ins Schwimmbad ging, um dort zu trainieren. Nachdem ich zur Garderobe ging und zu meinem Umkleideschrank, um mich umzuziehen. Ich bemerkte nicht, dass etwas nicht stimmte, bis eine aufgeregte Ajumma 아줌마 (ältere Frau) herüberlief und mit den Armen winkte. Da sie kein Englisch sprach und ich nur einfache koreanische Sätze beherrschte, nutzten wir die Körpersprache zur Kommunikation. Sie fasste mich sanft am Arm zog mich zurück zum Eingang der Umkleidekabine, zeigte auf meine Füße und tat so, als ob sie ihre Schuhe ausziehen würde, bis ich begriff und meine auszog. Sie wartete, bis ich den Rest meiner Sachen verstaut hatte, um sicherzustellen, dass ich alles richtig machte. Sie wies auf viele Details hin und gestikulierte laut, obwohl sie realisierte, dass ich nur wenig verstand. Am Ende des Rundganges zeigte sie mir noch einmal, wo wir meine Schuhe abgestellt hatten, und gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass sie in diesem Bereich bleiben sollten, bis ich ging. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ein breites Lächeln im Gesicht. Ich bin ihr unglaublich dankbar, dass sie sich die Mühe gemacht hat, mir den Umkleideknigge zu erklären. Danach habe ich immer nur mit Vorsicht einen Raum mit Schuhen betreten.

Eine ältere Frau (Ajumma) auf einem Gemüsemarkt in Seoul. | Photographer Daniel Thomas Faller

Hund oder Mensch?

Eine der Freuden bei der Arbeit mit Kindern ist es, ihre Aufregung zu sehen, wenn man etwas Ungewöhnliches tut. Wenn wir zum Beispiel zum Treppenhaus gingen, waren meine Schüler aufgeregt und voller Energie. Sie wussten, dass wir an einen besonderen Ort gehen würden, wie zum Beispiel zum Spielzimmer, der Turnhalle oder dem Partyraum. Am Anfang konnten meine Schüler kein Englisch und es war wichtig, in den Fluren leise zu sein, also kommunizierten wir oft durch Handzeichen. Während unseres ersten Ausflugs ermutigte ich meine Kinder, mir mit dem so genannten “Komm her-Handzeichen“ zu folgen. Dabei wird die Hand flach mit der Handfläche nach oben gehalten und dann das Handgelenk so bewegt, dass die Hand und die Finger ein paar Mal zum Körper hinbewegt werden. Zu meiner Bestürzung bewegten sich meine Schüler, langsam vorwärts und sahen traurig, ängstlich und besorgt aus. Sie schauten auf den Boden und zappelten herum, während sie meinen Blickkontakt nicht aufrechterhielten, als ob sie verärgert wären.

Ich war verwirrt und wollte nicht, dass meine Schüler traurig sind, beruhigte sie. Ich erinnerte sie daran, dass wir ins Spielzimmer gehen würden und schnitt Grimassen, bis sie kicherten. Später besprach ich ihre Reaktion mit meiner koreanischen Freundin. Sie erklärte mir, dass die von mir gemachte Handbewegung unhöflich ist. Sie wird typischerweise bei Tieren, besonders bei Hunden, verwendet oder um Aggression zu zeigen. Sie empfahl mir, dass ich das nächste Mal die Handfläche nach oben zeigen soll. Später habe ich das mit meinen Schülern ausprobiert und hatte großartige Ergebnisse. Sie folgten mir freudig zu unserem nächsten Abenteuer.

Psst! Koreaner mögen’s leise.

Ich arbeitete mit meinen Schülern daran, im Klassenzimmer leiser zu sein als Draußen und zwar gab ich ihnen weiter, was ich kürzlich selber gelernt habe.

An einem schönen Tag waren meine Freundin und ich unterwegs, um die Stadt zu erkunden. Wir besuchten ein Kunstmuseum mit Werken von René Magritte und erkundeten einen alten Palast. Für den Heimweg drängten wir uns in einen vollen Bus. Kein einziger Sitzplatz war frei, was uns aber nicht störte. Wir standen am Rand und sprachen über unsere Souvenirs, die wir gekauft haben. Als ich von einer Situation erzählte, in der ich versuchte, Koreanisch zu sprechen und damit alle Beteiligten verwirrte, lachten wir so laut, dass wir uns vor Lachen krümmen mussten. Ich wollte schon mit einer neuen Episode beginnen, als ich ein Klopfen auf meiner Hand spürte. Ein 아저씨 ajeossi (älterer Mann) hob seinen Zeigefinger senkrecht vor seine Lippen.

Disziplin auch ich im öffentlichen Verkehr. | Photographer Daniel Thomas Faller

Meine Freundin und ich entschuldigten uns und schwiegen, bis wir aus dem Bus ausstiegen. Im Schweigen erkannte ich, dass es im Bus, obwohl dieser sehr voll war, sehr ruhig war. Die Menschen unterhielten sich, wenn überhaupt, nur sehr leise. Es war mir ziemlich peinlich festzustellen, dass wir den ganzen Bus unterhalten haben. Von da an achtete ich darauf, dass ich zuhörte und meine Lautstärke anpasste. Ich fand, dass die meisten Orte viel leiser waren, als ich erwartet hatte. Diese gelernte Lektion gab ich dann meinen Schülern weiter.

Kulturelle Etikette zu verstehen ist entscheidend, um sich in einem neuen Land zurechtzufinden. Jeder Moment ist eine Gelegenheit zum Lernen. Es ist wichtig, sich Zeit zu geben, um die Nuancen der neuen Kultur kennenzulernen. Ich bin all den Menschen dankbar, die mir geholfen haben, mich in Südkorea zurechtzufinden und zuhause zu fühlen. Ohne ihre Hilfe wäre ich heute nicht derselbe Mensch. Zurück in den USA, nehme ich mir mehr Zeit, um meine eigenen Handlungen zu überdenken. Meine Zeit in Seoul war gefüllt mit lustigen Erinnerungen, Lektionen, die ich gelernt habe, und vor allem mit der Freundlichkeit der Menschen um mich herum.

Wenn Ihre nächste Reise Sie nach Südkorea führt, sind diese Tipps hoffentlich hilfreich!

Jessica Hoag

JACKSONVILLE FL | USA

Jessica ist Redakteurin und Autorin und hat bis vor kurzem noch in Seoul gelebt. Heute ist die gebürtige Amerikanerin wieder zurück in den USA. Jessica ist eine begeisterte Leser- und Entdeckerin. Das Zitat von Susan Sontag fängt ihre Leidenschaft für die Jagd nach Abenteuern ein: „Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste“.

1 Comment

  1. pretty story. I had experienced similar stories with my family….
    For example, the behavior in the subway when an european family with small children gets on….
    Everything stands up and offers you a seat… If only that were so in Europe… this is unfortunately not even the case with older people in our country, from which we should have respect…

    greetings Martin

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